Menschen wieder mehr Zuversicht geben.

Veröffentlicht am 30.10.2025 in Veranstaltungen

"Wir müssen wieder lernen, mehr für die Demokratie zu kämpfen" – das war das Eingangsplädoyer des JUSO-Bundesvorsitzenden Philipp Türmer bei den 27. Lobbacher Gesprächen in der Lobbacher Manfred-Sauer-Stiftung. Der von engagierten Sozialdemokraten initiierte Bürgerdialog bemüht sich im neunten Jahr, mit interessanten Persönlichkeiten aus Gesellschaft & Politik in zwangloser Atmosphäre über aktuelle Themen zu diskutieren. Diesmal stand der Abend im Zeichen der Themen Fairness und Gerechtigkeit – und der Frage, wie man der wachsenden gesellschaftlichen Spaltung entgegenwirken kann.

"Wir dürfen uns jedenfalls von der vermeintlichen Stärke rechtspopulistischer Kräfte nicht einschüchtern zu lassen", warnte der Ober-Juso vor rechten Scheinriesen. "Die in vielen Meinungsforen ausgemachte Übermacht der Unvernunft eher gefühlt als real. Das aber führt genau dazu, dass sich Menschen zurückziehen – und so eine selbsterfüllende Prophezeiung entsteht. Wenn man sich jedoch traut, das zu durchbrechen, wird aus dem Scheinriesen ganz schnell wieder der ekelhafte braune Zwerg, der er eigentlich ist. Dafür müsse man sich nur seiner eigenen Verantwortung bewusst werden. "Nach Jahren der politischen Selbstzufriedenheit müssen wir wieder lernen, uns mehr für die Demokratie einzusetzen."

Die Frage, wie die verschiedenen Generationen miteinander ein gutes Leben haben und gemeinsam dafür sorgen können, dass auch Nachfolgende noch eine Zukunft haben, > > >

... beherrschte den Abend. Türmer will dabei gerade jene Menschen wieder erreichen, die sich in den letzten Jahren von der SPD abgewandt haben. Ihm geht es nicht nur um Wohnen, Inflation, Fürsorge, sondern vielmehr um die Gerechtigkeit von morgen, um Maßstäbe für ein faires Miteinander und um die Frage, was wir uns in Zukunft noch leisten können. Wenn man die Spaltungslinie dabei nicht zwischen den Generationen, sondern zwischen arm und reich sieht, stellt sich für ihn die eigentliche Gerechtigkeitsfrage, die nach der Ungleichheit. Zentraler Punkt: Die ungleiche Verteilung von Wohlstand und Löhnen: "Nur noch 60 Prozent der Wertschöpfung kommen bei denen an, die arbeiten, und 40 Prozent bei denen, denen die Unternehmen gehören. Wohlstand sollte aber bei denen landen, die arbeiten.“

Türmer sieht die Sozialsysteme vor allem deshalb unter Druck, weil sich jene mit den stärksten Schultern aus der Verantwortung stehlen. Der Gegensatz aus Niedrigsteuerland für Vermögen und Hochsteuerland für Arbeit werde zunehmend zum Problem für Gesellschaft und Wirtschaft. Die zunehmende Konzentration von Reichtum stelle außerdem eine Gefahr für die Demokratie dar: "Wohlergehen und Teilhabe hängen immer weniger davon ab, ob man sich anstrengt, einen guten Bildungsweg geht oder fleißig arbeitet, sondern davon, ob man in den Kreis jener hineingeboren wurde, die schon über Reichtum verfügen."

Darüber hinaus mahnte der 29-jährige Wirtschaftswissenschaftler, dass ungleiche ökonomische Machtverhältnisse den demokratischen Zusammenhalt bedrohen: "Wenn Menschen zwar rechtlich gleichgestellt sind, aber die Chancen, Möglichkeiten und ökonomische Macht so ungleich verteilt sind, dann zersetzt das den demokratischen Grundkonsens."

In den USA könne man sehen, wie ein Übermaß an Ungleichheit sehr stark in eine direkte Demokratiegefährdung umschlagen kann. Ein Neofaschist und der mutmaßlich reichste Mann der Welt hätten sich dort  zusammengetan, um ungeniert Interessenspolitik zu betreiben – im Sinne der Milliardäre und stets auf Kosten der Schwächsten in ihrer Gesellschaft.

Umso mehr erinnerte er an die historische Mission der SPD: " Es muss jetzt darum gehen, jenen zu widersprechen, die in die falsche Richtung gehen. Unsere Aufgabe als Sozialdemokraten ist deshalb, den Fokus wieder auf die Verteilungsfrage zu legen. Da kommen wir her, da wurde die Sozialdemokratie erfunden."

In der von SPD-Landtagsabgeordneten Jan-Peter Röderer moderierten Diskussion wurde u.a. das weit verbreitete Gefühl der Angst in der Gesellschaft angesprochen und gefragt, wie die Politik besser darauf reagieren könne. Türmer erzählte von einem Gespräch mit einem AfD-Aussteiger, der den Rechtsruck als "gesellschaftliche Psychose" bezeichnet habe: "Viele wenden sich einer Partei zu, die behauptet: Alles, was euch Angst macht, schotten wir ab." Die große Herausforderung sei, den Menschen Zuversicht zu geben – und zu zeigen, dass Antworten auf reale Probleme nicht Rückzug sei, sondern die Bereitschaft, sich den Veränderungen aktiv zu stellen.    Originaltöne finden sich unter https://www.youtube.com/watch?v=qM8d6Wj7j-4

Am Ende gab's für den Gast natürlich auch ein Gastgeschenk, das Anne Oehne-Marquard mit dem Dank des Orgateams überreichte.